Rhens im Blickpunkt deutscher Geschichte

RhensFachwerkhuser600x600[Quelle: Broschüre 25 Jahre Kaiser Ruprecht Bruderschaft, 2002]

Als im 13. Jahrhundert das Kollegium der sieben Kurfürsten, dem neben den rheinischen Erzbischöfen von Mainz, Köln und Trier der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg sowie der König von Böhmen angehörten, ihre bisherige Vorrangstellung bei der Königswahl zum alleinigen Wahlrecht ausbauen konnten, verlagerte sich der Schwerpunkt des Reiches zunehmend ins Rheinland, wo zugleich auch die drei geistlichen Kurfürsten ihre Territorien erweitert hatten.

Auf Höhe der Lahnmündung zu beiden Seiten des Rheins grenzten ihre Besitzungen und auch die des Pfalzgrafen bei Rhein unmittelbar aneinander. Die linksrheinischen Orte Koblenz und Kapellen-Stolzenfels zählten zu Kurtrier, das rheinaufwärts sich daran anschließende Rhens gehörte dagegen zu Köln. Auf der gegenüberliegenden Rheinseite war Oberlahnstein im Besitz von Kurmainz, während die Nachbarorte Niederlahnstein zu Trier und Braubach zur Kurpfalz zählten. Die Mittelrheinregion bot sich damit den Kurfürsten in idealer Weise für deren Versammlungen und Beratungen an. Dies belegen eine Vielzahl von Konferenzen und nicht zuletzt die Abhaltung von Reichstagen in Koblenz und Oberlahnstein.

Rhens wurde erstmals 1273 Zeuge wichtiger reichspolitischer Entscheidungen, als sich dort die Kurfürsten zu ihren Vorbesprechungen zur Wahl Rudolfs von Habsburg zusammenfanden. Damit wurde letztlich in Rhens auch das Spätmittelalter, das Zeitalter des Wahlkönigtums, eingeläutet, dessen Beginn die Historiker üblicherweise mit dem Regierungsantritt Rudolfs im gleichen Jahr verbinden.

In der Folgezeit pflegten sich die Kurfürsten regelmäßig im Nussbaumgarten am Rhenser Rheinufer zu versammeln, um über Angelegenheiten des Reiches zu beraten. Hervorzuheben sind die Reichsversammlung von 1308, als man sich hier über die Kandidatur Heinrichs von Luxemburg besprach und die Vorgespräche zur Wahl Ludwigs von Bayern im Jahre 1314.

Seine besondere Bedeutung in der deutschen Geschichte erlangte Rhens jedoch als dort der “Kurverein von Rense“ am 16. Juli 1338 den Beschluss fasste, dass ein rechtmäßig von den Kurfürsten gewählter deutscher König weder der Ernennung noch der Billigung oder Zustimmung des Papstes bedürfe, um den Königstitel zu führen und die Verwaltung im Reich auszuüben.

Dieser “Kurverein von Rense“ zählt zu den wichtigsten Weistümer (Rechtsinstitutionen, Rechtssprüche, Auslegungen) der Reichsgeschichte im späten Mittelalter und bildete zugleich den Abschluss einer dreihundertjährigen Entwicklung der Staats- und Herrschaftsinterpretation. Mit der Freiheit des Reiches gegen die Einmischung des Papstes sicherte dieser Beschluss den Kurfürsten zugleich den Vorrang bei der Königswahl und bei der Bestimmung des Reichsrechtes. Das deutsche Königtum geriet damit endgültig in die Abhängigkeit der Kurfürsten und im besonderen Maße in die der rheinischen Erzbischöfe, der so genannten “Königsmacher“.

Am 11. Juli 1346, fast auf den Tag genau acht Jahre nach dem denkwürdigen Tag von Rhens, versammelte sich dort - bis auf die beiden Wittelsbacher, den Pfalzgrafen bei Rhein und den Markgrafen von Brandenburg - das Kurfürstenkollegium erneut und wählte, nachdem es zuvor Ludwig den Bayern wegen seines unüberbrückbaren Zerwürfnisses mit dem Papst für abgesetzt erklärte, Karl, den Sohn Johanns von Böhmen, zum neuen römisch-deutschen König. Der rechtsgeschichtlich nicht unbedeutende Umstand, dass die Wahl nicht wie bislang in Frankfurt, sondern in Rhens erfolgte, lag darin begründet, dass die Reichsstadt Frankfurt die Kurfürsten aus Treue zu König Ludwig den Einzug in die Stadt verwehrte hatte.

 
Karl IV mit dem Kollegium der sieben Kurfürsten (zeitgenössische Darstellung). Zur Rechten des am 11.07.1346 in Rhens zum römisch-deutschen König Gewählten die drei rheinischen Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, zu seiner Linken der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg. (Zeitgenössische Darstellung

Der in Rhens zum deutschen König gewählte und 1355 in Rom zum Kaiser gekrönte Karl IV. gilt als einer der großen Friedensfürsten im mittelalterlichen Europa. Mit diplomatischem Geschick trat er für Ausgleich und Frieden sowie für Bildung, Wissenschaft und die Entwicklung der Wirtschaft ein. Die von ihm 1356 verkündete “Goldene Bulle“, benannt nach dem in der königlichen Kanzlei verwendeten goldenen Siegel, in der erstmals und endgültig die Modalitäten der Königswahl und die Rechtsstellung der Kurfürsten geregelt wurden, gilt als das bedeutendste Reichsgesetz des Heiligen Römischen Reiches.

Karl IV. war es schließlich auch, der 1376 mit Zustimmung der Kurfürsten verfügte, am Versammlungsort der Kurfürsten im Nussbaumgarten zu Rhens ein “steynen gestuel“ - den späteren Königsstuhl - zu errichten. Die den Rhenser Bürgern für die Bestreitung der Baukosten und die Unterhaltung des Bauwerkes zugesagten Zollprivilegien wurden von seinem Nachfolger Wenzel als auch von den späteren Königen jeweils erneuert.

Im dritten Jahr nach der Fertigstellung des Bauwerkes, am 21.August 1400, dem Tag nach der Absetzung des bei den Kurfürsten in Ungnade gefallenen Königs Wenzel in Oberlahnstein, wurde Ruprecht von der Pfalz in Rhens zu dessen Nachfolger gewählt und auf dem Königsstuhl “zum König erhoben“.

Mit dem Tode Ruprechts im Jahre 1410 und dem zunehmenden Verlust der Vorrangstellung der rheinischen Kurfürsten schloss eine verheißungsvolle Entwicklung frühzeitig ab, in der Rhens mit berechtigten Hoffnungen eine Wahlstätte des Reiches hätte werden können. Fortan wurden die Wahlen immer in Frankfurt durchgeführt. In Erinnerung jedoch an die früheren Wahlen deutscher Könige in Rhens und als Zugeständnis an die Wünsche der rheinischen Kurfürsten, bestiegen die neu gewählten Könige von nun ab auf ihrer Krönungsfahrt von Frankfurt nach Aachen den Königsstuhl und ließen sich dort als römisch-deutsche Könige huldigen. So weilten jeweils auch die Könige Sigismund (1414), Friedrich III. (1442) und Maximilian (1486) zu dieser Zeremonie in Rhens.

In der Folgezeit verlor der Königsstuhl als Erhebungsstätte der deutschen Könige seine Bedeutung und hatte fortan nur noch landesgeschichtlichen Charakter. Das zunehmend verfallende und von den französischen Revolutionstruppen Ende des 18. Jahrhunderts fast völlig zerstörte Bauwerk wurde schließlich im Jahre 1808 bei dem von Napoleon veranlassten Bau der Landstraße von Koblenz nach Mainz vollends abgetragen. Der im Jahre 1842 abgeschlossene Wiederaufbau der mittelalterlichen Gedenkstätte in unmittelbarer Nähe des ursprünglichen Standortes erfolgte vornehmlich mit finanzieller Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. sowie mit Spendenmitteln, für die damals in ganz Deutschland geworben wurde. Im Jahre 1929 wurde der Königsstuhl schließlich auf die Höhe “Schawall“ oberhalb von Rhens versetzt und an seinem historischen Standort am jetzigen “Rhenser Brunnen“ eine Erinnerungstafel angebracht.

Die Kaiser Ruprecht Bruderschaft, hat seit ihrer Gründung im Jahre 1977 den Königsstuhl in ihre Obhut genommen und sieht sich in der Pflicht, das Bauwerk für die nachfolgenden Generationen zu erhalten und die Erinnerung an die mit diesem Monument verbundene deutsche Geschichte wach zu halten.